ISBN 978-3-86841-054-9
184 Seiten
14,90 €

 

Helge Döring
Schwarze Scharen
Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929 - 1933)

Auf gegnerischen Versammlungen stellten sie sich entschlossen gegen Mehrheiten, später schossen sie auf Nazis und legten für den Fall der Machtübernahme durch Hitler ein Waffenlager an. Sie traten auf mit dem Kürzel SS - für
"Schwarze Scharen". Unter diesem Namen formierten sich seit 1929 regionale Kampfverbände aus der anarcho-syndikalistischen Arbeiterbewegung heraus. Sie schützten nicht nur Veranstaltungen der Anarcho-Syndikalisten, sie wollten generell mehr auf der Straße statt in den Betrieben agitieren, besonders unter den Erwerbslosen. Dieses Buch beleuchtet den Platz und die Bedeutung der "Schwarzen Scharen" innerhalb der anarcho-syndikalistischen und antifaschistischen, sowie Arbeiterbewegung insgesamt. Dabei spielen Aspekte wie Bündnispolitik, Gegnerbestimmung, Militanz und libertäres Grundverständnis eine wichtige Rolle. Von detailliert recherchierten Ergebnissen ausgehend, wird schließlich der Bogen zur heutigen antifaschistischen und anarcho-syndikalistischen Bewegung gespannt, um die für die Zukunft relevanten Fragen herauszustellen.

Radiointerview
mit Helge Döring zum Buch: hier

Rezensionen:

Johannes Hartwig: Schwarze Scharen; veröffentlich in: „Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW,  Rheinland Pfalz und Hessen“, Nr. 46/Winter 2011/12 mehr ...
Gabriel Kuhn: Vorkriegsanitida; veröffentlicht auf kritisch-lesen.de mehr ...
Marcel Faust: „Komm auch du zur Schwarzen Schar!“ Geschichte und Schicksal der „Schwarzen Scharen“ in: Direkte Aktion Nr. 207 (September/Oktober 2011) mehr ...

Johannes Hartwig: Schwarze Scharen

Geht es um anarcho-syndikalistischen Antifaschismus, so steht meist der Spanische Bürgerkrieg im Fokus. In seinem Buch „Schwarze Scharen“ widmet sich Helge Döhring hingegen den antifaschistischen Aktivitäten in der Weimarer Republik. Die Schwarzen Scharen waren anarcho-syndikalistische Arbeiterwehren, die Ende der 1920er Jahre in Deutschland entstanden. Politisch waren sie mit der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) und der Anarchosyndikalistischen Jugend (ASJ) verbunden. 1931 zählten die Schwarzen Scharen nur zirka 285 Mitglieder, doch trotz dieser geringen Größe waren die Ortsgruppen zum Teil sehr aktiv. Sie schützten eigene Veranstaltungen vor Naziübergriffen, organisierten Kundgebungen, waren propagandistisch und publizistisch tätig und beteiligten sich an strömungsübergreifenden Organisationsversuchen.
Den Einstieg in das Thema schafft Helge Döhring durch eine gelungene kurze Erläuterung des Anarchosyndikalismus und dessen Historie in Deutschland. Bevor er sich den Schwarzen Scharen zuwendet, wird die anarcho-syndikalistische Faschismusanalyse vorgestellt. Interessant sind vor allem die Beschreibungen der Strukturen und Aktivitäten der Schwarzen Scharen vor Ort sowie die Dokumentation einer Veranstaltung mit dem Spanienkämpfer Heinrich Friedetzky.
In dem Buch sind viele historische Dokumente nachgedruckt, doch leider sind die meisten auf Grund der Qualität kaum oder gar nicht lesbar. Des Weiteren hätte ein Organisations- und Abkürzungsverzeichnis dem Buch gut getan. Es befindet sich am Ende zwar ein Index mit Orts,- Personen und Organisations-Register, doch bei der Vielzahl an Organisationen hilft dies nicht wirklich weiter.
Wer sich mit dem Antifaschismus in der Weimarer Republik auseinandersetzt, sollte sich bewusst sein, dass es neben Rotfrontkämpferbund, Antifaschistische Aktion und Eiserne Front weitere linke Gruppierungen gab, die sich den Nazis entgegenstellten. Die Schwarzen Scharen waren eine davon. Helge Döhring hat mit diesem Buch einen Teil antifaschistischer Geschichte aufgegriffen.

Marcel Faust: „Komm auch du zur Schwarzen Schar!“
Helge Döhrings neueste Veröffentlichung „Schwarze Scharen – Anarchosyndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933)“, erschienen bei Edition AV, dokumentiert die Recherchearbeit des Historikers zum gleichnamigen Kampfbund. Dabei belässt es der Autor nicht bei einer bloßen Rückschau, sondern zieht wichtige Schlüsse für die Nachwelt und trägt damit zum Selbstbewusstsein der neuen Generation bei.
Zunächst skizziert Döhring die Ideengeschichte des Anarchosyndikalismus als Fundament für die antifaschistische Organisation der Schwarzen Scharen. Weiterhin präsentiert er die einzelnen Regionen mit Ortsgruppen, sodaß nicht das Bild einer uniformen Militärorganisation entsteht, die überall das gleiche Gesicht hatte, sondern das Bild einer kämpferischen Selbsthilfeorganisation mit selbstbewusstem Auftreten und individuellem Charakter. Diesem Charakter und dem dadurch gestärkten Auftreten der Schwarzen Scharen gibt Döhring begründeterweise eine Vorbildfunktion für die heutige Bewegung im Kapitel „Ergebnisse“. Auch vergisst er die Gesichter hinter der Organisation nicht, so werden die Lebenswege von Friedetzky, Pilarski, Bennek, Czakon, u.a. bis in die heutige Zeit hinein beleuchtet, bis ins Nachkriegsheute, mit seiner BRD, die die alten Widerstandskämpfer verachtete und bis in die UDSSR, die sie in die Konzentrationslager steckte wie vorher die Nazis.
Einer der Hauptpunkte seiner Arbeit besteht drin, aufzuzeigen, dass die Schwarze Schar eine besondere Widerstandsorganisation war, weil sie bereits vor der Erhebung der Nazis in ihre Machtstellung Waffen und Sprengstoff benutzte und lagerte, um die Nazibrut im Keim zu ersticken. Diesen Ansatz stellt Döhring dem bürgerlichen Geschichtsbild gegenüber, welches erst nach einer vorgeblich „plötzlichen Machtergreifung“ Hitlers aktionsorientiertem Widerstand gegen den Nationalsozialismus die Legitimität zuspricht. Bereits im Vorwort vergleicht Döhring diese Bürgerlichkeit mit Hausbewohnern, die zwar Feuerlöscher besitze, aber das brennende Haus nicht löschen, sondern erst auf die Feuerwehr warten. Dieses Gleichnis macht die Notwendigkeit einer eigenen Geschichtsschreibung aus anarchosyndikalistischer Sicht deutlich, bevor sich eine sozialdemokratische Sichtweise auf Widerstand zu Zeiten des NS durchsetzen kann.

Historische Seriosität anstatt ideologischer Geschichtsdeutung

Ein besonderes Augenmerk ist auf die großartige Quellenarbeit zu legen, die Döhring geleistet hat, nicht nur hinsichtlich einiger seltener ausgegrabener Fotografien, seine ganze Arbeit basiert praktisch auf Quellentexten und nicht auf der Interpretation von Sekundärliteratur. So zum Beispiel die „Richtlinien der Schwarzen Schar Berlin“ aus erster Hand, die hier als Einblick in die Authentizität von Döhrings Arbeit wiedergegeben werden sollten:

„1. Die antifaschistische Wehrorganisation soll alle revolutionären Proletarier, die auf dem Boden des revolutionären Klassenkampfes stehen, ohne Unterschied der besonderen politischen und gewerkschaftlichen Auffassungen zusammenfassen.
2. Die antifaschistische Wehrorganisation lässt in ihren Reihen volle politische und gewerkschaftliche Meinungsfreiheit zu. Sie stellt sich zur Aufgabe: Kampf gegen den Faschismus.
3. Die antifaschistische Wehrorganisation organisiert und schützt die antifaschistische Propaganda und Agitation (Vertrieb von Zeitungen, Flugblättern, Literatur sowie Versammlungen, Demonstrationen).
4. Sie tritt ein für die wehrhafte Abwehr des faschistischen Terrors durch:
a. Sicherung der Diskussionsfreiheit in Arbeiterveranstaltungen
b. Schutz der Propaganda der prol. Organisationen (Versammlungen, Veranstaltungen, Demonstrationen)
c. Schutz der Einrichtungen aller Arbeiterorganisationen (Läden, Büros, Häuser)
d. Bekämpfung aller reaktionären Maßnahmen
e. Schutz der Arbeiterkämpfe
5. Säuberung der Betriebe und prol. Organisationen von Faschisten (Kampf gegen Werkverbände, Werksport, Werkspitzeleien)

Die antifaschistische Wehrorganisation stützt sich organisatorisch auf die Betriebe und Wohnbezirke. Zur Organisierung bildet die Kampfgemeinschaft überall Komitees aus Vertretern der Organisationen, welche die Bildung einer Wehrorganisation unterstützt.“

Praxisorientierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Anhand dieser Richtlinien werden schnell Unterschiede zu den heute existierenden Antifagruppen deutlich. Das Programm beinhaltet explizit den aktiven Kampf gegen den Faschismus, aber auch gegen den Kapitalismus. Das mag nun nicht besonders andersartig anmuten, aber Zusätze, wie „Schutz der Arbeitskämpfe“ oder „Säuberung der Betriebe“ fallen sofort ins Auge. Hier wird heute wenig bis gar keine Arbeit geleistet – im Gegenteil, die meisten Antifas haben kaum Interesse an den Betrieben. Dieser Umstand macht eine antifaschistische Wehrorganisation umso interessanter, zumal die Schwarzen Scharen einen syndikalistischen Hintergrund hatten.
„Schwarze Scharen“ ist daher ein wichtiges Buch für die Bewegungsgeschichte und ihre Organisationsformen, aber auch gerade heute hinsichtlich der neuen Anarchistisch-Syndikalistischen-Jugendgruppen (ASJ) wichtig, die aufgrund des Generation Gap (was Döhring ebenfalls aufgreift) viele Dinge wie Verhalten und Auftreten neu erlernen müssen, um nicht dem jugendlichen Defätismus zu verfallen.


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